demokratie leben illu

 Im November 2017 wurden durch die Partnerschaft für Demokratie Trier zwei Workshops zum Thema "systemisches Konsensieren" angeboten. Als Referentin eingeladen war Angelika Schmid. Die Ergebnisse der Workshops werden in diesem Artikel zusammengefasst.

 

(Grafik: „Demokratie leben!“ / Andreas Schickert)

 

 Ein Beispiel

Im Dezember 2017 wurde in Trier per Bürgerentscheid über den Erhalt der Tankstelle in der Ostallee abgestimmt. Die WählerInnen entschieden zwischen „Rettet die Blaue Lagune“ und „Nein Tanke“. Die Wahl fiel mit einer deutlichen Mehrheit zugunsten der Initiative „Rettet die Blaue Lagune“ aus. In den sozialen Medien und Leserbriefen in der Tageszeitung wurde die Entscheidung noch einige Wochen nach der Wahl zum Teil sehr emotional diskutiert. Es wurde eine demokratische Entscheidung gefunden, aber auch ein Ergebnis, das zum Teil weiterhin abgelehnt wird.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               1. Der „Weg des geringsten Widerstands“: systemisches Konsensieren als alternative Abstimmungsmethode

Im demokratischen Alltagsleben hat sich die Abstimmung nach Ja/ Nein/ Enthaltung etabliert. Das funktioniert oftmals. Im ungünstigsten Fall wird eine Mehrheitsentscheidung gegen eine Minderheitsmeinung getroffen oder es werden Kompromisse gefunden, mit denen alle Seiten wenig zufrieden sind. Konflikte, Widerstände oder dauerhafte Unzufriedenheit mit dem Ergebnis bleiben bestehen.

Was unterscheidet das systemische Konsensieren von einer Mehrheitsentscheidung? Systemisches Konsensieren als Methode will demokratische Entscheidungen mit der größtmöglichen Akzeptanz aller finden. Es geht nicht darum, den Widerstand von Einzelnen oder einer Minderheit zu „überstimmen“, sondern das Problem durch Lösungsvorschläge mit einer breiten Akzeptanz zu ersetzen. Das bedeutet, dass ein Ergebnis gefunden werden soll, der bei den Beteiligten möglichst wenig Widerstand hervorruft-  oder, dass Widerstände gegen Vorschläge respektiert und aufgearbeitet werden müssen. Deshalb wird beim systemischen Konsensieren nicht nach der Zustimmung zu einem Vorschlag gefragt, sondern der Widerstand der Abstimmenden gemessen.

 

2. Wie läuft systemisches Konsensieren ab?

Das Grundprinzip des systemischen Konsensierens ist wie folgt: zuerst werden möglichst viele Lösungsvorschläge zum bestehenden Problem gesammelt. Dann haben alle an der Entscheidungsfindung Beteiligten die Möglichkeit, die Vorschläge mit Widerstandspunkten (von 0 bis 10) zu bewerten. Es wird eine Hierarchie der Vorschläge vom niedrigsten Widerstand zum höchsten Widerstand erarbeitet.

Ein Beispiel: eine Familie mit zwei Teenagern möchte möglichst „streitfrei“ entscheiden, was es zum Abendessen geben soll. Dazu werden mögliche Vorschläge gesammelt und als Tabelle aufgelistet. Alle Familienmitglieder notieren ihren Widerstand gegen jeden Vorschlag.

Der Widerstand wird in Zahlen von 0 (kein Widerstand) bis 10 (starker Widerstand) gemessen.

  Salat            Kohlrouladen Pizza              Käsenudeln
Mutter 0 2 5  8
Vater 5 0 8  5
Tochter 10 10 0  10
Sohn 10 10 10  0
Ergebnis 25 22 23 23

 

Natürlich haben alle Familienmitglieder keinen Widerstand zu ihrem eigenen Vorschlag (0). In diesem Beispiel hat der Vorschlag „Kohlrouladen“ am wenigsten Widerstand erzeugt… und beide Kinder waren mit dem Ergebnis unzufrieden. Tochter und Sohn haben versucht, ihre eigenen Vorschläge durchzusetzen und deshalb alle anderen Vorschläge mit dem höchsten Widerstand bewertet. Am Ende haben sie das aus ihrer Sicht schlechteste Ergebnis erhalten.

Das systemische Konsensieren funktioniert hier „selbstreinigend“, weil sich der Versuch der Kinder, den eigenen Vorschlag zu stärken, negativ ausgewirkt hat. Systemisches Konsensieren verlangt von allen Mitgliedern der Gruppe, zum Vorteil der Gruppe radikal ehrlich mit ihren Wünschen und Bedürfnissen zu sein. Die ErfinderInnen der Methode betonen zudem den Vorteil, dass Macht und Einflussnahme einzelner auf die Gruppe sich in ihr Gegenteil verkehren. Destruktive Verhaltensweisen ( Druck ausüben, Vorschläge anderer bewusst blockieren etc.) erzeugen zwangsläufig Widerstand.

 

3. Systemisches Konsensieren als Prozess der Entscheidungsfindung

Beim Systemischen Konsensieren geht es nicht darum, möglichst schnell zu einem Ergebnis zu kommen. Großer Wert wird auf den Prozess der Ergebnisfindung gelegt und mit einer Abstimmung ist noch nicht alles entschieden. Daher können zu jedem Zeitpunkt weitere Vorschläge hinzu kommen und die Abstimmung widerholt werden.

Beide Kinder waren natürlich nicht mit dem Ergebnis zufrieden, und es wurde neu abgestimmt:

 

  Salat             Kohlrouladen Pizza              Käsenudeln
Mutter 0 2 5  8
Vater 5 0 8  5
 Tochter 5 10 0  5
 Sohn  5 10 0  0
Ergebnis 15 22 13 18
Hierarchie der Vorschläge 2 4 1 3

 

Es zeigt sich ein ganz anderes Ergebnis: der Sohn hatte nun keinen Widerstand mehr gegen Pizza (er wollte nur die Käsenudeln lieber). Obwohl die Pizza das Ergebnis mit dem geringsten Widerstand ist, stellt sich die Frage, ob der Vater mit einem relativ hohen Widerstand (8) mit dem Abstimmungsergebnis zufrieden ist.

In der „Hierarchie der Vorschläge“, also einer Nummerierung vom niedrigsten zu höchsten Widerstand, nimmt der Vorschlag Pizza den ersten Platz ein. Trotzdem sollen die Gründe für bestehende Widerstände unbedingt thematisiert werden: denn die Methode des systemischen Konsensierens sieht Widerstand als Material für neue Vorschläge an.

Vielleicht ging es für den Vater nicht um die Pizza, sondern um den Belag: die Kinder lieben Salamipizza, und er ekelt sich davor, dass sein Stück der Blechpizza im Salamiöl liegt… Systemisches Konsensieren bedeutet dann, eine gute Lösung für dieses neue Problem zu finden.

 

Das Ziel: ein gutes Ergebnis für alle finden

Das Ziel des systemischen Konsensierens ist es, als Ergebnis einen möglichst breiten Konsens aller an der Abstimmung Beteiligten zu erzielen. Das bedeutet, dass die an der Abstimmenden einen möglichst geringen Widerstand zum Ergebnis haben.Durch die Messung des Widerstands ist zugleich erschwert, dass die Ergebnisfindung durch Einflussnahme, Druck oder destruktive Verhaltensweisen beeinflusst wird: denn dies erzeugt ja Widerstand. Das systemische Konsensieren ist ein Prozess, in dem Widerstände respektiert und wichtig sind, weil sie zum Motor neuer Ideen werden. Um ein gutes Ergebnis für alle zu finden, müssen also alle Beteiligten radikal ehrlich mit ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen sein.

Termine

Termine im 1. Halbjahr 2018

21.04. Konzert des Kinderchores im Projekt "Musik mit Fingerzeig" bei der Trierer Chormeile, 13.00 Uhr, vor der Commerzbank in der Brotstraße

 

02.05. Stolperstein- Rundgang der Arbeitsgemeinschaft Frieden e.V., 17-18.30. Treffpunkt: Friedens- und Umweltzentrum, Pfützenstraße. Um Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! wird gebeten.

 

03.05. 15 Uhr, Tufa. Showing des Projekts "Totentanz".

 

08.05. Konzert von Esther Bejarano und der "Microphone Mafia". Um Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! wird gebeten.

 

16.05. 15-18 Uhr. Vortrag mit Diskussion:  „Panorama der politischen Ränder: Was ist eigentlich extrem?“ Referent: Luis Caballero. Café des Bürgerhauses Trier- Nord.

31.05. Vortrag "Spielwiese Menschenrechte- Zivilgesellschaftliche Chancen und Rückschläge durch Sportgroßereignisse" Referent: Ronny Blaschke. Ab 19 Uhr, Exhaus Trier, Zurmainerstraße 114. (Bitte an den Eingängen den Wegweisungen folgen)

 

15.06. Präsentation des Projekts "Die Besten im Westen" beim Aktionstag gegen Armut.

Weitere Infos

Flyer des Bundesprogramms

Flyer „Demokratie leben!”
Flyer „Demokratie leben!” (PDF)